Wer war Carlo Abarth?

Die Erfolgsgeschichte des Carlo Abarth:
Rennsiege, Weltrekorde und PS-Schmiede
Das Leben von Visionären
folgt selten einer geraden Linie. Und so durchläuft auch Karl Abarth
eine Reihe
von Höhen und Tiefen auf dem Weg vom Motorradmechaniker zum Inhaber
eines der
legendärsten Namen im Motorsport und Begründer eines völlig neuen
Industriezweiges.
1908 in Wien geboren, macht
Abarth in frühester Kindheit die Schrecken des Ersten Weltkriegs durch.
Seine
Familie siedelt ins italienische Meran über, der Heimat der väterlichen
Familie. Als die Ehe der Eltern in die Brüche geht, zieht die Mutter
zusammen
mit Karl und dessen Schwester Anna zurück in die österreichische
Hauptstadt.
Hier sammelt der durchtrainierte Teenager Erfolge bei Radrennen und
nimmt eine
Arbeit als Motorradmechaniker auf, die ihn schon bald ins Rennteam Motor
Thun
führt.
Als Ersatz für einen erkrankten Motor-Thun-Piloten startet er zum ersten
Mal bei einem Rennen – und
ist auf Anhieb deutlich schneller als die Werkspiloten. Abarth vermutet
hinter
einem technischen Defekt während des Rennens Sabotage und kündigt auf
der
Stelle. Im eigenen Team fährt er 1928 und 1929 von Sieg zu Sieg. Ein
schwerer
Unfall, von dem sich sein rechtes Knie nie wieder vollständig erholt,
zwingt
Abarth, auf Seitenwagen-Rennen umzusatteln. Erneut modifiziert er
vorhandene
Maschinen nach seinen Vorstellungen. Er erfindet die so genannte
Schwingachse,
die den Seitenwagengespannen deutlich höhere Kurvengeschwindigkeiten
ermöglicht. 1930 experimentiert er zum ersten Mal mit einem speziellen
Auspuffsystem – eine Technik, auf die er sich erst Jahre später wieder
besinnen
wird.
1938 wird Österreich von
Nazi-Deutschland besetzt. Abarth ergreift die von Italien angebotene
Chance,
statt unter dem Hakenkreuz in den Farben der Tricolore anzutreten. Er
nimmt die
italienische Staatsbürgerschaft an und ändert seinen Vornamen offiziell
in
Carlo. Aber schon im September 1939 bedeutet ein erneuter Rennunfall das
endgültige Karriereende.
Im slowenischen Ljubljana,
das während des Zweiten Weltkriegs zu Italien gehört, beginnt Abarth ein
neues
Leben. In einer mechanischen Fabrik baut der erfahrene Techniker in den
folgenden Jahren Autos und Lkw von Benzin- auf Kohlegasbetrieb um, ein
bewährtes Mittel, der Rohstoffknappheit der Zeit zu begegnen. Nach
Kriegsende
flieht Abarth gemeinsam mit seiner zukünftigen zweiten Frau nach Meran
und
startet dort einen Fahrradhandel.
So richtig begeistert ihn
diese Tätigkeit wohl nicht. Jedenfalls ergreift er 1947 die Gelegenheit,
beim
kleinen Turiner Rennwagenhersteller Cisitalia als Chef der
Motorsportabteilung
mit der Aufgabe anzuheuern, ein Grand-Prix-Team aufzubauen. Trotz
Unterstützung
durch Porsche und prominenter Piloten wie Tazio Nuvolari und Hans Stuck
kommt
das Cisitalia-Projekt nicht richtig in Schwung. Die Firma muss Konkurs
anmelden.
Abarth ist jetzt bereit für
den großen Schritt – am 31. März 1947 gründet er gemeinsam mit dem
Geschäftsmann Armando Scagliarini sein eigenes Unternehmen. Offizieller
Geschäftszweck von Abarth & C.: Produktion von Fahrzeugen und
technischen
Komponenten für Sport- und Renneinsatz, Entwicklung von Ausrüstung für
Serienfahrzeuge sowie der Verkauf von Rennbenzin. Abarth übernimmt neben
Personal auch Ausrüstung von Cisitalia, darunter sechs Rennwagen. Am 8.
Mai
1949 erzielt Guido Scagliarini, der Sohn des Abarth-Geschäftspartners,
den
historischen ersten Sieg für die Squadra Corse Carlo Abarth. Aber auch
große
Namen fahren für Abarth. Piero Taruffi gewinnt am Ende der Saison die
Italienische
Formel-2-Meisterschaft für das junge Team. Tazio Nuvolari feiert im
Abarth 204A
beim Bergrennen auf den Monte Pellegrino 1950 den letzten Sieg seiner
Karriere.
Doch Abarth ist sich bewusst,
dass der Betrieb eines eigenen Rennteams auf Dauer keinen Gewinn
abwerfen kann.
Er besinnt sich seiner Experimente mit dem Bau von Motorrad-Abgasanlagen
und
entwickelt den ersten Sportauspuff für den Fiat Topolino. Es folgen
Systeme für
andere Fiat Modelle, für Alfa Romeo, Maserati, sogar Vespa-Motorroller
und eine
Reihe weiterer Marken. Außerdem stattet Abarth eine Zeit lang sämtliche
Ferrari-Rennautos aus. Damit seine Produkte auf den ersten Blick zu
erkennen
sind, entwirft Abarth ein spezielles Farbdesign: die Schalldämpfer sind
mattschwarz,
die Endrohre verchromt. Endgültig unverwechselbar werden die
Auspuffanlagen
durch das Firmenlogo – den schwarzen Skorpion, Abarths Sternzeichen, auf
gelb-rotem Grund.

Die Idee wird ein
Verkaufsschlager. Weltweit reißen sich sportlich orientierte Fahrer um
die
Abarth-Auspuffanlagen, obwohl diese mehr als doppelt so teuer sind wie
Konkurrenzprodukte. Sie sind beliebt nicht nur wegen der gesteigerten
Motorleistung, sondern vor allem wegen des kernigen Sounds, der ein von
Abarth ausgerüstetes
Auto auch akustisch einzigartig macht. Geschickt stellt Abarth in der
Werbung
die Verbindung zu Rennerfolgen her.
Während die Auspuff-Produktion auf vollen Touren läuft, entwickelt Abarth sein erstes komplettes Straßenfahrzeug. Der Formel-Renner 204A wird von Vignale mit einer Coupé-Karosserie eingekleidet, fertig ist der Abarth 205A (1951)
.
Zeitweise
mehrmals pro Jahr präsentiert Abarth von nun an Eigenentwicklungen. Er
nutzt
meist bewährte Fiat Technik, modifiziert die Motoren nach seinen Ideen
und
lässt seine Konstruktionen von den namhaften Designstudios Italiens
einkleiden.
Unter anderem arbeiten Bertone, Pininfarina, Ghia, Michelotto, Zagato
und Boano
für den stets akkurat im Anzug gekleideten Selfmade-Ingenieur mit dem
schweren
österreichischen Akzent.
Ermöglicht werden derartige
Projekte durch das stetig wachsende Geschäft mit Auspuffanlagen. 1954
produziert Abarth & C. bereits knapp 58.000 Einheiten, im Rekordjahr
1962
steigt diese Zahl auf 257.000 bei 375 Beschäftigten. Längst vertreibt
Abarth
aber auch zusätzliches Tuningzubehör wie Doppelvergaseranlagen, die er
mit
selbst entwickelten Einlasskrümmern an tausendfach in Serienautos
eingesetzte
Motoren anpasst. Damit ist Abarth Vorreiter eines völlig neuen
Industriezweiges,
der Tuningbranche.
1955 präsentiert Fiat die
Kleinlimousine 600, deren Motor für Tuningmaßnahmen à la Abarth ideal
ist. Mit
komplett überarbeitetem Antriebsstrang (747 statt 633 Kubikzentimeter,
42 statt
22 PS) erreicht der Fiat 600 Derivazione Abarth eine für die
Fahrzeugklasse
schier unglaubliche Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Mit einer
speziellen
Stromlinienvariante geht Abarth das nächste sportliche Ziel an – zu
dieser Zeit
in der Öffentlichkeit stark beachtete Geschwindigkeits- und
Langstreckenrekorde.
Im Sommer 1956 erzielt sein Team auf der Rennstrecke von Monza
tatsächlich eine
ganze Reihe von Bestwerten (siehe Anhang), die im Verlaufe des nächsten
Jahrzehnts von neueren Abarth-Konstruktionen wiederholt verbessert
werden. Weil
er einen Beschleunigungsrekord in einem Formel-Rennwagen unbedingt
selbst
aufstellen will, nimmt Abarth mittels Apfel-Diät fast 30 Kilogramm ab,
um
überhaupt ins enge Cockpit zu passen.
1957 bringt Fiat einen
weiteren Kleinwagen auf den Markt, der den Fiat 600 in seiner Bedeutung
für die
Motorisierung des so genannten kleinen Mannes noch übertreffen wird –
den Fiat
500. Erneut hilft Abarth dem serienmäßig
recht schwachbrüstigen Motor auf die Beine. Statt 14 produziert
der Zweizylinder
im Heck nach der Abarth-Kur bis zu 23 PS. Mit noch einmal drei PS mehr
erzielt
ein Fiat 500 Abarth im Februar 1958 einen neuen Langstreckenrekord in
siebentägiger Dauerfahrt.
Diese Glanzleistung führt
zur offiziellen Zusammenarbeit zwischen Abarth und Fiat. Man einigt sich
auf
einen Kooperationsvertrag auf Erfolgsbasis: Für jeden Rennsieg erhält
Abarth
eine Prämie, schon zweite Plätze sind uninteressant. Um größtmöglichen
Nutzen
aus diesem Abkommen zu ziehen, entwirft Carlo Abarth für die Vielzahl
der zu
dieser Zeit im internationalen Rennsport gebräuchlichen Hubraumklassen
maßgeschneiderte Fahrzeuge. Beinahe jedes Fiat Serienmodell verwandelt
Abarth –
der zeitweise auch mit der französischen Marke Simca kooperiert – in
seiner
Werkstatt am Corso Marche (ab 1958) in ein Rennauto.
Diese Strategie geht auf.
Jahr für Jahr fahren seine Entwicklungen weltweit Hunderte von
Klassensiegen
ein (siehe Anhang), insgesamt werden es mehr als 7.300. Besonders
erfolgreich
sind die Derivate des Fiat 600, deren Hubraum bis 1970 auf knapp 1.000
Kubikzentimeter und die Leistung auf über 110 PS steigt. Ihr markantes
Kennzeichen: die offen stehende Haube über dem Heckmotor, die für eine
bessere
Kühlung sorgt.
Vom Fiat 500 entstehen u. a. die Varianten 595 esseesse und 695 esseesse, das Doppel-S steht dabei für Super Sport.
Für Rennen, in denen Prototypen zugelassen sind (z. B. 24 Stunden von Le Mans), konstruiert Abarth komplett eigenständige Fahrzeuge (z. B. Fiat Abarth 1000 SP). Damit erringen seine Piloten mehrfach sogar Titel in der Langstrecken-Weltmeisterschaft und der Berg-Europameisterschaft. Selbst einen Formel-1-Boliden hat Abarth in Planung (1967), verzichtet aus Kostengründen dann aber auf das Projekt.

Es ist nicht der letzte
Rückschlag, den Abarth hinnehmen muss. Die Konkurrenz bei den Rennen
durch die
großen Werke wird immer stärker, die Kosten des Motorsports klettern
beträchtlich. Ende der 60er Jahre überzieht außerdem eine für die
Metallindustrie teure Streikwelle Italien, von der auch Abarth & C.
nicht
verschont bleibt. Unaufhaltsam neigt sich die Blütezeit der Kleinwagen
dem Ende
zu, die Verkäufe von Tuningzubehör stagnieren. Weil zudem der
Prämienvertrag
mit Fiat – nach einer Verlängerung – endgültig ausläuft, hat Carlo
Abarth keine
andere Wahl: Am 15. Oktober 1971 geht seine Firma offiziell in den
Besitz von
Fiat über. Abarth, der inzwischen mit seiner späteren dritten Frau
Anneliese zusammen
lebt, wird Berater.
Fiat nutzt den Namen Abarth
fortan für sportliche Topversionen bestimmter Serienmodelle. Das erste
unter
neuer Regie entstehende Fahrzeug ist der Autobianchi A112 Abarth. Die
Abarth-Gebäude werden Heimat der Fiat Rennsportabteilung, die sich zu
Beginn
der 70er Jahre ausschließlich mit Rallyes beschäftigt. Zunächst der Fiat
124
Spider Abarth
, dann der Fiat 131 Abarth
werden vom Werksteam u. a. in
der
Weltmeisterschaft eingesetzt. Fiat holt damit 1977, 1978 und 1980 den
Titel in
der Markenwertung, Walter Röhrl wird 1980 Fahrerweltmeister. Ein
Triumph, den
Carlo Abarth ebenso wenig erlebt wie die Erfolgserie des nach dem
Rückzug von
Fiat aus dem Rallyesport ebenfalls am Corso Marche beheimateten Lancia
Werksteams.
Er stirbt am 24. Oktober 1979 im Alter von 71 Jahren.
Abarth – wichtige Erfolge im Motorsport*
1950 Coppa Intereuropa Monza/I Abarth 204A
1956 Mille Miglia Brescia/I Fiat Abarth 750
1957 Mille Miglia Brescia/I Fiat Abarth 750 GT
1958 12-Stunden-Rennen Sebring/USA Fiat Abarth 750 GT
1959 Targa Florio Palermo/I Fiat Abarth 750 RM
1960 12-Stunden-Rennen Monza/I Fiat Abarth 700 BA
1961 24-Stunden-Rennen Le Mans/F Fiat Abarth 850 BA
Tour de France Rouen/F Fiat Abarth 700 BA
1962 Bergrennen Schauinsland/D Fiat Abarth 1000 BA
12-Stunden-Rennen Nürburgring/D Fiat Abarth 850 T
1963 Rallye Portugal Algarve/P Fiat Abarth 850 TC
Bergrennen Schauinsland/D Fiat Abarth 1000 SP
1964 500-Kilometer-Rennen Nürburgring/D Fiat Abarth 1000 Prototipo
1965 Bergrennen Mont Ventoux/F Fiat Abarth OT 2000
500-Kilometer-Rennen Nürburgring/D Fiat Abarth OT 1000
1966 Eisrennen Vammala/F Fiat Abarth 1000 Berlina
Flugplatzrennen Mainz/D Fiat Abarth 1000 OTS
1967 Coupe de Vitesse Monthléry/F Fiat Abarth 2000
Bergrennen Montegrappa/I Fiat Abarth 595
24-Stunden-Rennen Le Mans/F Fiat Abarth OT 1300
1968 500-Kilometer-Rennen Nürburgring/D Fiat Abarth 1600
Bergrennen Villach/A Fiat Abarth 3000
1969 6-Stunden-Rennen Nürburgring/D Fiat Abarth 1000 Berlina
1970 Bergrennen Bad Neuenahr/D Fiat Abarth 650 TC
24-Stunden-Rennen Spa/B Fiat Abarth 1000 Berlina
1971 Trofeo Autosprint Imola/I Fiat Abarth 695
*jeweils Klassensiege
Abarth – wichtige Geschwindigkeitsrekorde*
1956 10.000 km 140,658 km/h Fiat Abarth 750 Bertone
72 Stunden 140,632 km/h Fiat Abarth 750 Bertone
24 Stunden 167,722 km/h Fiat Abarth 850 Bertone
12 Stunden 147,982 km/h Fiat Abarth 500 Bertone
1957 24 Stunden 177,454 km/h Fiat Abarth 750 Pininfarina
48 Stunden 170,301 km/h Fiat Abarth 750 Pininfarina
10.000 km 169,346 km/h Fiat Abarth 750 Pininfarina
1958 96 Stunden 125,824 km/h Fiat Abarth 500 Pininfarina
240 Stunden 116,380 km/h Fiat Abarth 500 Pininfarina
15.000 km 126,216 km/h Fiat Abarth 500 Pininfarina
1959 1.000 Meilen 159,677 km/h Fiat Abarth 500 Pininfarina
12 Stunden 160,277 km/h Fiat Abarth 500 Pininfarina
1960 2.000 Meilen 214,809 km/h Fiat Abarth 1000 Pininfarina
72 Stunden 186,680 km/h Fiat Abarth 1000 Pininfarina
1963 72 Stunden 178,110 km/h Fiat Abarth 2300 S Coupé
1965 ¼ Meile 11,55 Sekunden Fiat Abarth 2000 F2
1966 500 Meter 12,855 Sekunden Fiat Abarth 2000 F2
* Zwischen Juni 1956 und Oktober 1966 stellen von Abarth entwickelte
Fahrzeuge auf der Rennstrecke von Monza/Italien insgesamt
113 Geschwindigkeitsrekorde in verschiedenen Hubraumklassen auf.
(Text: Abarth Presse)
Ein weiteres Portrait des Wieners gibt es u.a im Online-Magazin 1300ccm.de.